Warum Snapchat das Marketing der Zukunft beeinflussen wird

Snapchat ist ein Instant-Messaging-Dienst mit dem kurze Tweets, Fotos und Videos verschickt werden können. Die Sichtbarkeit dieser ist dabei individuell einstellbar, sie können für maximal 10 Sekunden angezeigt werden – danach zerstören sie sich selbst. Öffentlich versendete Live Stories sind 24 Stunden abrufbar. Aufgrund dieser Kurzlebigkeit haben einzelne Snaps die maximale Aufmerksamkeit der Nutzer. Doch wie genau kann die App für Marketingzwecke genutzt werden?

Die Statistiken zu Snapchat lassen erahnen, welchen Stellenwert die App in der Zukunft einnehmen wird. Die App, die 2011 auf den Markt kam, hat 200 Mio. User weltweit vorzuweisen, 100 Mio. User sind täglich aktiv – demnach also die perfekte Plattform, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der Wert von Snapchat lag im September 2015 bei 19 Milliarden US-Dollar.

Deutschland gehört zu den Top 10 der Länder mit den meisten Nutzern und dem schnellsten Wachstum auf Snapchat. In einer Analyse verglich SimiliarWeb mit dem IT-Magazin The Information 100 Mio. Android-Nutzer und deren aktive Nutzung von Snapchat und anderen Social-Media-Apps mit den jeweiligen Downloadzahlen in Deutschland: zumindest im Vergleich zu Twitter (2 %) hat Snapchat (6,1 %) mehr aktive Nutzer.

In den USA gehört Snapchat schon längst zum üblichen Werkzeug der PR-Berater und Strategen. Auch deutsche Unternehmen springen langsam auf den Zug auf und entdecken Snapchat für sich. Bekannte und bereits aktiv gewordene Unternehmen sind dabei beispielsweise Neckermann, Sixt und die Bild-Zeitung. In diesen profitablen Bereich vorzudringen, hat aktuell noch den Vorteil, dass kaum Konkurrenz vorhanden ist, dafür aber umso mehr Potential.

Die Besonderheit an Snapchat ist die junge Zielgruppe. Laut dem Global Web Index sind mehr als 50 % der Snapchat-User zwischen 16 und 24 Jahre alt, also ideal für die Unternehmen, die Marken in dieser Altersklasse bekannt machen und verkaufen wollen. Wann sonst hat man die Möglichkeit eine Zielgruppe so direkt anzusprechen? Ein weiterer wichtiger Faktor, der Snapchat von beispielsweise Facebook & Instagram unterscheidet, ist das Meer der Informationen. Anders als bei Facebook wird der User nicht überflutet, es gibt keinen News Feed. Wichtige Nachrichten und Hinweise können aufgrund der Masse nicht untergehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der User und potenzielle Kunde die Werbung bewusst wahrnimmt, ist sehr viel höher.

Doch wie kann Snapchat konkret für Marketingzwecke genutzt werden?

Hier gilt es, mithilfe von möglichst verrückten und außergewöhnlichen Fotos oder Videos von der hohen Aufmerksamkeit zu profitieren. Snapchat stellt wechselnde Filter und digitale Sticker zur Verfügung. Außerdem können die Fotos beliebig beschriftet werden.

Da Snapchat nicht nach dem gleichen Prinzip wie Instagram oder Facebook funktioniert, wo sich Content mithilfe von #Hashtags und der Share-Funktion binnen Minuten unter die Masse bringen lassen, müssen Views auf eine andere Art generiert werden. Dem Erfolg der App geht voraus, dass sich Unternehmen auf Facebook & Co. durch kontinuierliche Aktivität und Interaktion eine bereits große Fanbase geschaffen haben, um dort mittels eines Links auf ihr Snapchat-Konto aufmerksam zu machen. Snapchat ist deshalb nicht als eigentliche Marketingplattform, sondern eher als Ergänzung zu verstehen. Der erste Schritt ist somit getan. Seinem Ziel möglichst viele potentielle Kunden zu erreichen, kann man sich noch weiter annähern, indem beispielsweise ein Wettbewerb gestartet und dazu aufgerufen wird, sich mit Produkt X auf einem Foto abbilden zu lassen und dieses in Social-Media-Kanälen zu veröffentlichen. Das Produkt gewinnt somit Persönlichkeit, dem Kunden wird suggeriert, Teil von etwas Besonderem zu sein. Natürlich muss am Ende des Wettbewerbs ein Gewinner gekürt werden. Solche Selbstläufer haben Gewinner auf beiden Seiten: schneller kann man nicht mehr potenzielle Kunden erreichen. Außerdem wird der Nutzer aufgrund seines Gewinns sehr glücklich sein und höchstwahrscheinlich andere auf die Aktion bzw. gar das Unternehmen aufmerksam machen.

Eine andere Möglichkeit ist es, Kooperationen mit bekannten Influencern aus der Social-Media-Welt zu starten. Neckermann beispielsweise schickte zwei sehr bekannte Instagram-Stars in den Urlaub und ließ diese ihre Reise auf ihrem Kanal dokumentieren. Weniger aufwendig, aber mindestens genauso effektiv, ist beispielsweise die Produktplatzierung in Snaps bekannter oder prominenter Nutzer. Die Bandbreite der Strategien ist vielfältig. Nähe zum Kunden kann beispielsweise ebenfalls aufgebaut werden, indem man Tutorials zum vermarktenden Produkt veröffentlicht.

Auf Snapchat kann man der Kreativität freien Lauf lassen. Je schriller, desto besser. Junge Leute mögen es, wenn Unternehmen möglichst „hip“ auftreten.

 

Hallo Meinungsfreiheit!

Bist du auch wieder da? Wusstet ihr eigentlich, dass wir es in Deutschland vergleichsweise ziemlich gut haben? Dank Facebook und Co. ist jeder in der Lage – ob man sie nun hören will oder nicht – seine eigene Meinung zu äußern. Ein s.g. besorgter Bürger beispielsweise kann über die blöde Regierung schimpfen, sich über die angeblich zu guten Leistungen für Flüchtlinge echauffieren und ganz nebenbei unsere Bundeskanzlerin – direkt oder indirekt – beleidigen. Dass nicht jeder mit der Meinung dieser vor Intelligenz auch nur so triefenden Menschen konform geht, ist völlig in Ordnung und sogar begrüßenswert, aber leider muss auch diese Art von „Meinung“ akzeptiert werden. Ihr regt euch auf, dass einer eurer Facebook-Freunde mal wieder etwas über brennende Flüchtlingsheime schreibt und sich vielleicht auch noch darüber freut? Dass jemand im Zusammenhang mit dem Islamischen Staaten (oder lieber Daesh) es mal wieder nicht verpasst, den Islam als frauenfeindliche und ganz einfach als „scheiß Religion“ zu bezeichnen?

Ich würde mich auch aufregen, ganz klar. Zum Glück kann man auf Facebook selbst entscheiden, was man lesen will und was nicht – ein kleiner Klick und man muss sich keine dämlichen Aussagen mehr antun. Aber wie sieht es im echten Leben aus? Natürlich gibt es gewisse Dinge, die bei bestem Willen nicht mit der Meinungsfreiheit begründet werden können und eher in die Rubrik Beleidigung eingeordnet werden müssen, aber manchmal gibt es auch „normale“ Aussagen, die nicht der eigenen Meinung entsprechen und die man am liebsten verbieten würde. Mich hat beispielsweise die aktuelle Diskussion der Republikaner in den Vereinigten Staaten sehr aufgeregt: Donald Trump forderte die Erfassungen von Muslimen in Datenbanken. Was soll der Mist? Stehen nun alle Muslime unter Generalverdacht irgendetwas mit Terrorismus zu tun zu haben, nur weil sie zufällig dem Islam angehören? Gegenreaktionen kamen prompt: Shane Croucher (Journalist) meint, man könne gleich alle Muslime mit einem Halbmond-Anstecker versehen, sicher ist sicher!

Manche Meinungen sind einfach scheiße, aber sie sind Meinungen. Wenn ich Reden von Horst Seehofer höre, hoffe ich wirklich jedes Mal, dass ich gerade einen Tagtraum habe, weil ein einziger Mensch nicht so viel Unsinn reden kann, aber: er kann und noch viel wichtiger: er darf.

Wir sollten niemals vergessen, wie gut wir es haben. Man munkelt, es gäbe Länder, in der jede regierungskritische Aussage verboten und bestraft wird. Dass teilweise oppositionelle Meinungen gar nicht an die Gesellschaft gelangen können, weil sie von vornherein nicht zugelassen werden. Plattformen wie Facebook, Twitter und Youtube werden regelmäßig gesperrt und Inhalte geprüft. Es gibt sogar staatliche Einrichtungen, die mit enormen Summen subventioniert werden, allein um Aussagen zu überwachen.

Meinungsfreiheit bedeutet Demokratie und Demokratie bedeutet Meinungsfreiheit. In demokratischen Gesellschaften sind immer gegensätzliche Meinungen zu finden und das ist auch gut so. Demokratie bedeutet auch immer Pluralismus. Wird dieser Pluralismus gestört, ist die Demokratie gestört. Wir sollten uns natürlich auch weiterhin kritisch mit anderen Meinungen auseinandersetzen, aber wir sollten nie vergessen, dass auch unsere Meinung einer anderen Person nicht gefallen könnte, wir aber dennoch das Recht haben, sie zu verkünden. Ein Hoch auf die Meinungsfreiheit, die jedem Menschen im gleichen Maße zusteht.

Du wählst wie du lachst. Fatih Cevikkollu

Fatih Cevikkollu will am Lachen seiner Zuschauer erkennen, welche Partei sie wählen. Aktuell auf Tour mit mit seinem Programm „Fatihtag“ besucht der türkischstämmige Kabarettist uns am 27.06.2015 im fifty-fifty-Theater in Erlangen.

Viele von euch werden ihn – und so geht es mir auch – schon einmal irgendwo im Fernsehen gesehen haben. Fatih zeigt sowohl türkische, als auch deutsche Eigenarten auf eine ganz charismatischen Art und Weise auf. Er ist provozierend und witzig zugleich. AfD-Wähler würde man an ihrem Geruch erkennen, „denn Scheiße ist schon immer braun“. Auch könne er seine deutschen Zuschauer von den ausländischen unterschieden: die Reaktionen auf seine Witze seien nämlich davon abhängig, welche Wurzeln sie hätten. Während die „deutsch-deutschen“ Zuschauer nur – wenn überhaupt – verlegen lachten und oft versuchten, ihr Lachen zu unterdrücken, um „politisch korrekt“ zu sein, würden „deutsch-türkische“ Zuschauer – wenn sie denn kommen – „voll abgehen“.

Fatih ist ziemlich witzig und nimmt alle, auch sein Publikum, auf die Schippe. Wer mal kurz schnuppern will, kann sich dieses Video anschauen.

https://www.youtube.com/watch?v=IpWDsHxmknE

Wem das nicht reicht, der sollte sich seinen Live-Auftritt im fiftfy-fifty nicht entgehen lassen. Karten sind entweder auf www.theaterfiftyfifty.de, im Ticketshop in der Südlichen Stadtmauerstr. 1 oder an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.

Die Moral der Geschicht: Töte deine Tochter, sonst hast du deine Ehre nicht.

Es ist wieder soweit. Ein männliches Familienmitglied hat zugeschlagen. Der Grund diesmal: Das 16 jährige Opfer hatte Kontakt zum Gegengeschlecht. Dieser Kontakt ist nicht als sexueller, sondern als platonischer zu verstehen.

Das ist im Osten der Türkei lebende Mädchen wurde bei lebendigem Leibe zwei Meter unter der Erde vergraben. Wann genau diese Begrabung stattgefunden hat, ist nicht bekannt. Gefunden wurde sie im Dezember, bekannt wurde es jedoch erst gestern (10.02.10). Das Mädchen habe wohl mit Männern gesprochen, daraufhin die Konsequenz in Art von Gewalt seitens des Vaters und Großvaters erfahren; als das junge Mädchen Hilfe bei der Polizei suchte und diese sich natürlich bei der Familie meldete, wurde sie auf grausamste Weise ermordert.

Dies ist jedoch nur eine von sehr vielen weiteren Taten. Ein wohl sehr bekannter „Ehrenmord“ ist der Fall der Hatun Sürücü, eine Frau türkischer Herkunft aus Berlin. Sie wurde im Alter von 15 Jahren mit ihrem Cousin verheiratet und bekam rasch ein Kind von diesem. Nach der Entbindung wollte sie dieses Leben in der Türkei nicht fortsetzen. Sie verweigerte das Kopftuch und zog in ein Wohnheim für junge Mütter in Deutschland. Nach einem Besuch ihres Bruders erschoss sie dieser mit drei Kopfschüssen auf offener Straße mitten in Berlin. Verurteilt wurde er zu neun Jahre Haft. Zwei weitere Brüder, die als Beteiligte verdächtigt waren, wurden freigesprochen.

Laut einer UN-Studie fallen weltweit jährlich 5000 Frauen einem Ehremord zum Opfer. In Deutschland seien es seit 1996 um die 40 Opfer gewesen. Die inoffiziellen Zahlen sind durchaus größer als die genannten. Eines haben die Opfer gemeinsam: jungen Frauen wird keine Stimme gewährt, sie werden gegen ihren Willen mit ihnen völlig fremden Männern oder gar mit Verwandten verheiratet. Sie werden Opfer patriarchaler Strukturen, die gegen jedes modernes Denken und gegen jedes Menschenrecht verstoßen.

Im Falle der Türkei – der Heimat des Opfers – bedeutet das an sich ein Verrat an sich selbst: in einem Land, das den Laizismus, also die Trennung von „Kirche und Staat“, als seine Staatsform gewählt hat, ist nicht zu dulden, dass solche Misstaten zum Alltag gehören. Dem Gesetze nach sind Männer und Frauen in der Türkei seit dem Jahre 1923 gleichberechtigt; das Frauenwahlrecht in der Türkei ist eines der ältesten in Europa. Im wahren Leben jedoch gibt es weiterhin eine Hierarchie, in der die Frau mit Sicherheit nicht das Oberhaupt darstellt. Dies ist meistens auf dem Land der Fall. Dass das so nie tragbar war und auch nie tragbar sein wird, sollten auch mal die Politiker des Landes begreifen bzw. fest dazu entschlossen sein, etwas zu ändern. Ansonsten wird die EU wohl für immer nur ein Traum bleiben, die westlichen Länder mit dem Finger auf die Türkei zeigen und die Frauen nie das kriegen, was sie eigentlich verdienen – nämlich ihr Recht auf ein Leben und die freie Entscheidung darüber!

Ägypten – Politik voller Abhängigkeiten

Mursi für schuldig befunden! Der ehemalige Staatspräsident Ägyptens Mohammed Mursi wurde zum Tode verurteilt, doch was wird ihm vorgeworfen? Ihm wird unter anderem zur Last gelegt, an der Tötung von Demonstranten während der Unruhen 2012 beteiligt gewesen zu sein. Außerdem habe er Staatsgeheimnisse weitergegeben und mit Feinden paktiert. Neben ihm wurden auch zahlreiche andere Muslimbruder zum Tode verurteilt. Mursi war der erste frei und fair gewählte Präsident Ägyptens. Er setzte sich knapp gegen den Gegenkandidaten durch, doch seine Amtszeit war nicht von langer Dauer. Bald warfen ihm, sowohl die Bevölkerung, auch als das alte Regime vor, zu „islamistisch“ zu sein. Doch das soll nicht die Frage meines Textes sein. Mir geht es nicht um die Richtung der Politik, die Mursi (angeblich) betrieben haben soll, es geht eher um die Frage, wie ein frei gewählter Präsident ohne Weiteres gestürzt werden kann und wer oder was ihn daran hindert, sein Amt auszuüben.

Das Militär und ihr politischer Einfluss hat eine lange Tradition in Ägypten: dass sie gegen die Regierung putscht, ist kein neues Phänomen und auch ihr Einfluss im Parlament und in der alltäglichen Politik eine altbekannte Thematik. Alle bisherigen Präsidenten Ägyptens  – ebenso wie der aktuelle Fatah Al-Sissi – stammen aus Militärkreisen. Da wundert es nicht, dass Kandidaten,  die nicht mit dem Militär in Beziehung stehen, keinerlei Überlebenschancen haben. Das Militär kann man sich als eine Art Organisation vorstellen, welche großen Einfluss im ganzen Land hat: sie sind an einem Großteil der Wirtschaft beteiligt, haben Firmen, Kaufhäuser, beteiligen sich an der Nahrungsmittelindustrie und an der landwirtschaftlichen Produkterzeugung. Die Essenz des Ganzen ist also, dass für das Militär zu viel auf dem Spiel steht, würden sie ihre bisherigen Privilegien und Einflüsse verlieren. Auch Mubarak hat versucht, das Militär zu verdrängen beziehungsweise aus ihrer starken Machtposition herauszulocken und stattdessen andere Gruppierungen zu etablieren und wurde rasch aus dem Amt genommen und das, obwohl er selbst aus dem Militär entstammte.

Eine andere Elite, ebenfalls eine sehr starke Rolle im Land, bilden die Großunternehmer. Sie stehen in direkter Konkurrenz zum Militär und haben ebenfalls besorgniserregenden Einfluss innerhalb der Politik. Manche auf direkter Weise, indem sie im Parlament sitzen und so versuchen die Richtung der Politik zu bestimmen und manche anderen indirekt, indem sie ihre „Partner“ mit Geldern versorgen, um so ihre Interessen durchzusetzen. Dieses System, das in der Wissenschaft als „neopatrimoniales System“ bezeichnet wird, bestimmt seit der Unabhängigkeit Ägyptens die Politik und stellt meiner Meinung nach einen Teufelskreis dar. Auf der einen Seite die Regierung und ihr autoritärer Regierungsstil, der keinerlei rechtliche Grundlagen hat und stets die Befürchtung haben muss, ihre Legitimation innerhalb der Gesellschaft zu verlieren und auf der anderen Seite die beschriebenen Eliten, die notwendig erscheinen, um die Legitimation der Regierung aufrechterhalten zu können. Alle Parteien stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander; jeder Spieler braucht den anderen, um seine Interessen durchsetzen zu können.

Es kommt die Frage auf, ob es überhaupt noch möglich ist, die etablierten Eliten vollständig aus der unmittelbaren Nähe der Regierung zu entfernen, damit eine Politik betrieben werden kann, welche von der Gesellschaft verlangt wird oder ob die Eliten nicht einfach zu stark sind, um sich gegen sie aufzulehnen.

Ist die Türkei eine Defekte Demokratie? Eine Untersuchung im Rahmen der Meinungs- und Pressefreiheit.

Die Türkei selbst bezeichnet sich als ein demokratisches Land, die Presse und Literatur jedoch beschreibt den Regierungsstil des ehemaligen Ministerpräsidenten und jetzigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan als autoritär. Laut der „Liste der Pressefreiheit“, die von Reporter ohne Grenzen alljährlich veröffentlicht wird, befindet sich die Türkei auf dem 154. Platz; ähnlich platziert sind dabei Staaten wie Irak, Russland, Saudi-Arabien und Bahrain. Bei solch einer Platzierung geht der Anspruch ein demokratischer Staat zu sein, verloren. Deutschland beispielsweise befindet sich auf dem 14. Platz.

Regelmäßig wird von neuen Inhaftierungen berichtet, aktuell sind es 7 Journalisten; zuvor war von bis zu 60 inhaftierten Journalisten die Rede. Die restlichen seien unter bestimmten Auflagen entlassen worden, könnten jedoch jederzeit erneut inhaftiert werden. Auch die so genannten „neuen Medien“ stehen unter strenger Beobachtung: zeitweilig war die Videoplattform Youtube.de und das Netzwerk Twitter gesperrt worden, weil sich die Regierung durch bestimmte Inhalte gestört fühlte. Das Verfassungsgericht hob die Sperre nach einigen Wochen wieder auf. Auf sozialen Netzwerken wie beispielsweise Facebook wird gezielt nach oppositionellen Meinungen gesucht. Jüngst wurden Ende März zwei Konten von Twitter-Unsern gesperrt, weil diese Links zu Telefonmitschnitten verbreiteten, die den damaligen Ministerpräsidenten unter Korruptionsverdacht stellten.

Dass in der Türkei die Meinungs- und Pressefreiheit beschnitten wird, ist kein neues Phänomen. Schon seit Gründung der Republik 1923 ist von kontinuierlicher Zensur auszugehen. Demnach stellt sich die Frage, warum Zensur überhaupt stattfand und die noch wichtigere Frage: warum sie immer noch stattfindet? Es ist bekannt, dass Meinungs- und Pressefreiheit ein unabdingbares Element einer freien Demokratie darstellt. Seit 1923 bezeichnet sich die Türkei als eine demokratische Republik. Grundlegende Bürgerrechte wie beispielsweise das Wahlrecht für die Frau und ihre Gleichstellung gegenüber dem Mann wurden rasch eingeführt. Ob die volle Gewährleistung der genannten Rechte stattfindet, bleibt einer anderen Untersuchung überlassen.

Warum die Meinungs-und Pressefreiheit seitens der Regierung beschnitten wird und nicht unberührt bleibt, ist dem türkischen Verständnis der Demokratie zuzuschreiben. Die Türkei hatte es – von bllabla bis blabla – immer wieder mit korrupten Staatspräsidenten zu tun, deren primäres Ziel es war, sich selbst zu bereichern und voranzubringen und dabei wurden die eigentlichen Staatsziele aus den Augen verloren. Natürlich hätte es nachteilige Folgen für die jeweiligen Regierungen, wenn diese Fälle jederzeit von der Presse veröffentlicht werden könnten, weshalb man sich gegen die Pressefreiheit und für ihre Zensur aussprach und ausspricht. Ein weiterer Faktor, den alle bisherigen Regierungen miteinander gemeinsam haben, ist die Angst vor Umstürzen. Bisher hat die Türkei insgesamt drei Putsche erlebt, alle wurden durch das Militär ausgeführt, um einen Normalzustand in der Bevölkerung wiederherzustellen; zuvor war sie durch soziale und wirtschaftliche Probleme, durch Gewalt von links- und rechtsextremer Gruppierungen erschüttert. Um oppositionelle Stimmen von vornherein verstummen zu lassen, griffen die jeweiligen Regierungen zur Zensur, obwohl diese laut Verfassung strikt abgelehnt wurde: Artikel 70 nämlich besagt, dass Unverletzlichkeit der Person, Freiheit des Gewissens, des Gedankens, der Rede, der Veröffentlichung, des Reisens, Vertragsfreiheit, Freiheit der Arbeit, des Eigentums und des Besitzes, Vereins- und Versammlungsfreiheit zu den natürlichen Rechten der Türken gehöre (Verfassung 1924). Laut Artikel 77 derselben Verfassung unterliege die Presse innerhalb der gesetzlichen Grenzen keiner Präventivzensur. „Genaue Grenzen“ sind in der Verfassung jedoch nicht näher definiert; bei einer Verfassungsreform 1961 wurde zwar die Meinungsfreiheit keinerlei Einschränkungen unterstellt, dafür jedoch umso mehr die Pressefreiheit. Ab diesem Zeitpunkt hieß es, dass die Presse frei sei und keiner Zensur unterworfen werden dürfe. Der Staat treffe Maßnahmen zur Sicherung der Presse- und Informationsfreiheit. Im zweiten Absatz werden die „Maßnahmen zur Sicherung“ genauer erläutert: Presse- und Informationsfreiheit dürfe einzig zum Schutz der nationalen Sicherheit oder öffentlichen Moral, zur Verhütung von Angriffen auf die Würde, Ehre und Rechte des einzelnen, zur Verhinderung der Anstiftung zu strafbaren Handlungen oder zur Sicherstellung der ordnungsgemäßen Erfüllung der richterlichen Aufgaben durch Gesetz eingeschränkt werden. Der Interpretationsspielraum für die Gerichte ist sehr offen, da keine genauen Angaben gemacht sind, weshalb jeder Journalist oder auch normaler Bürger wegen seiner Veröffentlichung oder Meinung beschuldigt werden könnte, gegen die Staatssicherheit vorzugehen oder ab welchen Zeitpunkt beispielsweise die Ehre und Rechte des Einzelnen verletzt werden.

Ob die Situation im Land durch die Putsche verbessert wurde, bleibt fraglich. Der Bevölkerung jedenfalls begegneten die Regierungen mit repressiven Maßnahmen: unter anderem wurden beispielsweise in den 80er-Jahren – nach dem letzten Putsch – jegliche politische Parteien verboten und damit einhergehend das Recht auf Versammlungsfreiheit beziehungsweise jegliche Grundrechte außer Kraft gesetzt. Mit der Annäherung an die Europäische Union fanden jedoch zahlreiche Gesetzesreformen statt, die zu einer gesetzlichen Anpassung an Europa führen sollten. Seit 1953 ist die Türkei an die Europäische Menschenrechtskonvention gebunden.

Dennoch sind weiterhin Menschenrechtsverletzungen auch in der aktuellen Regierung wiederzufinden. Die Regierungspartei AKP (deutsch: Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan wurde seit Regierungsantritt mit diversen Anschuldigungen konfrontiert. Diese gehen von Vetternwirtschaft bis Amtsmissbrauch von Verletzung des Demonstrations- und Versammlungsrechts bis eben zur Verletzung der Presse- und Meinungsfreiheit. Die EU-Kommission spricht in ihrem Fortschrittsbericht 2012 von besorgniserregenden Zuständen und der Notwendigkeit von Reformen.

Oft weisen die genannten Punkte auf eine Defekte Demokratie hin. Zwar sind Grundelemente der Demokratie wiederzufinden, essenzielle jedoch werden beschnitten oder gar nicht erst gewährt. Ist die Türkei eine Defekte Demokratie? Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen? Wie wird es in der Türkei in Zukunft für die Presse- und Meinungsfreiheit aussehen, welche Reformen werden notwendig sein, um die Situation zu verbessern und eine starke Demokratie zu schaffen, die Wert auf Pluralität und auf Opposition legt? Bisher sahen die türkischen Regierungen ihre Oppositionen lediglich als Feinde und nicht als ein Grundelement der Demokratie. Wer den Anspruch hegt, eine Demokratie zu sein, muss auch all ihre Rechtsnormen akzeptieren und gewährleisten. Es ist interessant zu sehen, wie sehr die Verfassungsnorm von der Verfassungsrealität abweicht und wie Menschen nicht dagegen vorgehen.